mass accumulation 2020

Die Arbeit ist eine Reaktion auf die Lockdowns während der Pandemie. Das Zurückgeworfen sein auf die eigenen vier Wände erfordert eine Arbeit, die flexibel an unterschiedlichen Orten ausgeführt werden kann. Das Knüpfen funktioniert als unabhängige Tätigkeit von Infrastrukturen, die während Corona nicht mehr nutzbar geworden sind. Trotzdem büßt sie nicht in ihrer Größe und Intensität ein, da Textilien faltbar und damit gut verstaubar sind. Die verknüpften Alttextilien sind vorhandene Materialien, die in allen Haushalten zu finden sind. Die Arbeit reagiert auf das gezwungenermaßen zu Hause bleiben während Corona, bietet aber gleichzeitig Handlungsoptionen an.

Des Weiteren reflektiert mass accumulation die Arbeit im Privaten, also den eigenen vier Wänden. Der Bereich ist im Gegensatz zur Öffentlichkeit traditionell weiblich konnotiert. Gerade textile Handarbeiten dienten in der Geschichte zur Herausbildung eines weiblichen Sozialcharakters. Neben der Fremddisziplinierung und der Erziehung zum weiblichen Fleiß, hat die Arbeit auch emanzipatorische Momente. Die meditative Tätigkeit räumt der Knüpfenden genügend Zeit für Reflektionen, zum intellektuellen Weiterbilden oder zum Kommunizieren ein.

Während der Pandemie ist die eigene Wohnform zentraler geworden. Das Leben in gemeinschaftlichen Zusammenhängen hat sich teilweise als problematisch herausgestellt, aber auch seine Qualitäten gezeigt. Das „Nebenher“ des Knüpfens ermöglicht einen geistigen Austausch und Informationsfluss zu emotionalen und politischen Themen und zeigt das Privileg von Gemeinschaft auf. Gedanken, Ideen und Einflüsse der umgebenden Gemeinschaft fließen auf metaphorischer Ebene in die Tätigkeit des Knüpfens ein.

Die Arbeit zeigt die Bedeutung von Orten des Tuns und Zeigens auf. Liegend auf dem Boden erinnert sie an einen Teppich, der durch das Auslassen von Bereichen und Unebenheiten nicht seinen vorgesehenen Zweck erfüllen würde. Hängend versteht sich die Arbeit als Bild, die den Blick auf ihre Rückseite freigibt.

Mass accumulation ist als Denkteppich zu verstehen, aber auch Metapher für gesellschaftliche Prozesse während der Pandemie und eine Antwort auf Stagnation und Einsamkeit während Corona.

Ausstellungsansichten 4Wände 2020, Galerie Baturina Leipzig

mass accumulation 2020, hangeknüpfte Alttextilien auf Stramin, 70×500 cm

Foto 2 Ausstellungsansichten: Anna Tishchenko