„The new is coming soon“, sagte die Ruine im Gehen

Im Juni 2016 fuhren wir gemeinsam nach Wrocław, das früher einmal Breslau hieß und heute noch manchmal so genannt wird. Schriftzüge an Hausfassaden und das schwere Geschirr in Tadeuszs Wohnung flüstern von dieser Zeit vor 1945. Seit eben jener Zeit ist der „Zittauer Zipfel“ dreifaches Grenzgebiet: Deutschland grenzt an Polen, Polen an Tschechien und Tschechien an Deutschland. Im Oktober 2016 führte uns die Reise in diese Gegend. Thomas und Veronika gründeten dort nach „der Wende“ ein Wohnprojekt. Sie passieren die Grenzen nahezu täglich. Die Textilproduktion durchzieht die Grenze räumlich und zeitlich. Im ehemals sudetendeutschen Varnsdorf, das an einer mehrfach gekennzeichneten Stelle zum deutschen Großschönau wird, liegen die meisten Fabriken jedoch brach. Der gut 80-jährige Herr Heinl hat auf einem Stadtplan Nägel aufrecht angeklebt. In seiner Erzählung werden sie zu den Fabriktürme von einst.

Unserer Erfahrung nach wird Erinnerung in diesen sprachlichen und räumlichen Randlagen offener und beginnt zu widersprechen. Sie hört auf einer linearen Erzählung zu gehorchen oder einem einseitig-nationalen Narrativ zu folgen. Wie lässt sich dieses Phänomen fassen und bearbeiten? Können wir die Traditionen und Erinnerungen nacherzählen ohne sie im Rückblick zu überhöhen? Kann persönlicher Zugang und gesellschaftlich-politischer Kontext zugleich hörbar und sichtbar sein? Wer kommt und was geht? In den (Dresdner) Diskurs um Erinnerungspolitiken wollen wir uns mit der Ausstellung einmischen.

Beteiligte Künstler_innen: Anne Reiter, Franziska Goralski, Irène Mélix, Jacek Jasko, Jakoba Schönbrodt-Rühl, Lea Zepf, Martin Wiesinger, Sophie Linder, Theresa Schnell.