Ostkosmos mit Sophie Lindner 2021

Der Ostkosmos führt zwei künstlerische Positionen von Sophie Lindner und Anne Reiter im ehemaligen Tagebaugebiet Espenhain bei Leipzig, die sich mit Nachwendezeit und Ostidentität beschäftigen, fotografisch zusammen.

Das Konsumversprechen der Wendezeit und die Plattenbaurealität der DDR Zeit überlagern sich. Welche Identitäten der Nachwendezeit bleiben 30 Jahre nach der Wiedervereinigung bestehen. Wie kann Geschichte aufgearbeitet werden ohne eine ganze Region abzuwerten?
Als junge ostdeutsche Stimme trete ich für ein differenziertes Bild des Ostens ein, welches sowohl seine Potentiale als auch Probleme betrachtet, versucht Unterschiede zu benennen, um schlussendlich wieder mehr zusammenzukommen.

Fotografie und Kostüm: Anne Reiter

Cosmic Cross (grünes Schild) und Foliearbeiten: Sophie Lindner

Modells: Sophie Lindner und Martin Wiesinger

2.schicht 2021

2.schicht wurde die zu leistende Hausarbeit von Frauen nach der Lohnarbeit zu DDR- Zeiten genannt.  Die Doppelbelastung der Frauen zu DDR Zeiten stellt auf der einen Seite eine Problematik dar, die auch heute nicht überwunden ist, aber auch ein emanzipatorisches Realität von Frauen in der DDR. So waren 1989 vor der friedlichen Revolution 91% der Frauen erwerbstätig. Die DDR erreichte damit die höchste Quote weltweit, was nicht zuletzt an umfassenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten lag. Aber auch die freie Entscheidung von Frauen über ihren eigenen Körper war fortschrittlicher als in der BRD. So gab es die Pille kostenlos und Schwangerschaftsunterbrechungen waren bis zur 12. Woche voraussetzungslos möglich. Trotzdem blieb es bei einer Ungleichverteilung der Doppelbelastung zwischen Mann und Frau.

Die Arbeit 2.schicht beschäftigt sich mit dem Frauenbild zu DDR Zeiten. Die jungen Frauen auf den Fotografien tragen Dederon Kittelschürzen, welche zu DDR Zeiten von nahezu jeder Frau während der Haus- und Lohnarbeit getragen wurde. Schürzen als Kleidungsstücke, die als weiblicher Arbeit konnotiert sind, werden hier selbstbestimmt von einer jungen Generation getragen. In Kombination  mit Arbeitshosen aus Dederon werden sie zum neuen Arbeitsoutfit, welches fluide Geschlechteridentitäten zulässt. Gleichzeitig verweist die Kleidung auf die Rückentwicklung in Bezug auf das Frauenbild nach der Wiedervereinigung und einen Blick in Richtung Arbeitsrealitäten in der DDR. Das Ruhrgebiet als strukturschwache Region im Westen steht hier neben abgehängten Regionen, die sich zu großen Teilen immer noch im Osten befinden. Laut Statistik ist Gelsenkirchen die ärmste Stadt in Deutschland. Es gibt es also nach wie vor Hierarchien in Arbeitsbereichen. Vor allem weiblich konnotierte Arbeit wird immer noch schlechter bezahlt und Hausarbeit bleibt unbezahlt. Ein Umdenken in Richtung emanzipatorischer Arbeitsrealitäten steht aus!

Künstlerin (Kostüm/Konzept): Anne Reiter

Fotografinnen: Liv Plotz und Indra Helm

Modells: Helena Baumeister, Jill-Aurelia Pastore, Anne Reiter

Ausstellungsansichten bei „under feminist construction“, Bochum: Mona Dierkes

Diplom 2017

Diplomausstellung Musterbuch

mass accumulation 2020

Die Arbeit ist eine Reaktion auf die Lockdowns während der Pandemie. Das Zurückgeworfen sein auf die eigenen vier Wände erfordert eine Arbeit, die flexibel an unterschiedlichen Orten ausgeführt werden kann. Das Knüpfen funktioniert als unabhängige Tätigkeit von Infrastrukturen, die während Corona nicht mehr nutzbar geworden sind. Trotzdem büßt sie nicht in ihrer Größe und Intensität ein, da Textilien faltbar und damit gut verstaubar sind. Die verknüpften Alttextilien sind vorhandene Materialien, die in allen Haushalten zu finden sind. Die Arbeit reagiert auf das gezwungenermaßen zu Hause bleiben während Corona, bietet aber gleichzeitig Handlungsoptionen an.

Des Weiteren reflektiert mass accumulation die Arbeit im Privaten, also den eigenen vier Wänden. Der Bereich ist im Gegensatz zur Öffentlichkeit traditionell weiblich konnotiert. Gerade textile Handarbeiten dienten in der Geschichte zur Herausbildung eines weiblichen Sozialcharakters. Neben der Fremddisziplinierung und der Erziehung zum weiblichen Fleiß, hat die Arbeit auch emanzipatorische Momente. Die meditative Tätigkeit räumt der Knüpfenden genügend Zeit für Reflektionen, zum intellektuellen Weiterbilden oder zum Kommunizieren ein.

Während der Pandemie ist die eigene Wohnform zentraler geworden. Das Leben in gemeinschaftlichen Zusammenhängen hat sich teilweise als problematisch herausgestellt, aber auch seine Qualitäten gezeigt. Das „Nebenher“ des Knüpfens ermöglicht einen geistigen Austausch und Informationsfluss zu emotionalen und politischen Themen und zeigt das Privileg von Gemeinschaft auf. Gedanken, Ideen und Einflüsse der umgebenden Gemeinschaft fließen auf metaphorischer Ebene in die Tätigkeit des Knüpfens ein.

Die Arbeit zeigt die Bedeutung von Orten des Tuns und Zeigens auf. Liegend auf dem Boden erinnert sie an einen Teppich, der durch das Auslassen von Bereichen und Unebenheiten nicht seinen vorgesehenen Zweck erfüllen würde. Hängend versteht sich die Arbeit als Bild, die den Blick auf ihre Rückseite freigibt.

Mass accumulation ist als Denkteppich zu verstehen, aber auch Metapher für gesellschaftliche Prozesse während der Pandemie und eine Antwort auf Stagnation und Einsamkeit während Corona.

Ausstellungsansichten 4Wände 2020, Galerie Baturina Leipzig

mass accumulation 2020, hangeknüpfte Alttextilien auf Stramin, 70×500 cm

Foto 2 Ausstellungsansichten: Anna Tishchenko

Textile Raumnahme- ornamentale Strukturumwandlung mit Freya Schweer 2020

Nicht nur durch ihre Größe bespielen die freihängenden textilen Bilder von Anne Reiter und Freya Schweer ihren Umraum, besonders durch ihre Farbintensität in Kombination mit der Präzision in der Formensprache nehmen sie den Raum ein und beanspruchen die Aufmerksamkeit für die in ihnen bearbeiteten Inhalte. Strukturumwandlungen sind auf den großen Formaten visuell erlebbar. Die künstlerischen Positionen von Freya Schweer und Anne Reiter setzen sich mit dem emanzipatorischen Potential von textilen Techniken auseinander. In ihrer künstlerischen Forschung setzen sie Ornamentik auf unterschiedliche Arten ein, um Statements gegen normative und hegemoniale Strukturen zu erschaffen und diese aufzubrechen und Veränderungen anzustoßen. Textil wird zur Protestform und zum Verhandlungsfeld von Gender.

Reiters Siebdruck-Arbeiten überschreiben dominante patriarchale Strukturen. Durch feministische Perspektiven und geschichtliche Reflexionen wird ein marginalisiertes Medium strategisch angeeignet und emanzipatorisch besetzt. Schweers Jaquard-Webereien widersetzen sich Denkmustern, die durch die Vorstellung zweier gegensätzlicher Kategorien geprägt sind und bieten durch ihre Vielschichtigkeit und Metamorphosen einen Ausweg aus gewaltvollen binären Gender-Normen.

Textile Raumnahme, ornamentale Strukturumwandlungist eine feministische Intervention mittels textiler Praktik. In dieser Ausstellung setzen Reiter und Schweer ihre Arbeiten zueinander in Bezug, wodurch sowohl auf ästhetischer als auch auf inhaltlicher Ebene ein neues Spannungsfeld entsteht. Die großformatigen Siebdrucke mit ihrer teils figurativen Symbolik interagieren mit den ornamentalen Metamorphosen in den Jaquardgeweben und werfen Fragen nach Identität und gesellschaftlichen Normen auf.

Ausstellungsansichten Textile Raumnahme-Ornamentale Strukturumwandlung 2020, Geh8Kunstraum Dresden

Masterarbeit 2020

Masterheft (praktische Arbeit) Masterthesis (theoretische Arbeit)

kollektiver Anzug 2019

Die Arbeit „kollektiver Anzug“  (550x95cm) ist aus 87 recycelten farbigen T-shirts gewebt. Das Doppelgewebe betont das Volumen des Materials Textiles und ermöglicht Körpern in das Material einzutauchen, es anzuziehen. 87 potentielle Körper kommen zusammen und werden durch Interaktionen erlebbar. Die Arbeit verhandelt im textilen Material die Zusammenkunft von einzelnen Teilen zu einer Masse. Der Faden wird zum Körper und verhandelt Protestformen im Material. Verschiedene Haptiken, Farbigkeiten und Stoffe repräsentieren Individualitäten und zeigen sogleich ihre Grenzen auf. Die Arbeiten bestehen aus Alttextilien und stellen eine globalisierte Textilgeschichte in Frage, die von Rassismus und Sexismus geprägt ist. Die Wertschätzung geschieht durch das Sammeln und Verarbeiten von gesellschaftlich entwerteten Materialien.

Die Arbeiten stellen aktuelle Produktionsweisen in Frage und fordern ein Denken außerhalb von neoliberalen Werten ein. Die Arbeiten thematisieren das fluide Feld zwischen Gebrauchsgegenstand und „Hochkultur“. Das gewebten Materialien fordert als marginalisierte Technik, die unter anderem durch Weiblichkeitszuschreibungen diffamiert werden, eine emanzipatorische Lesart ein.

o.T., Gewebe aus Alttextilien, 120×500 cm

Die Fotografien sind eine Zusammenarbeit mit Patterned Collective. Performerinnen: Lilli Döscher und Theresa Schnell  Fotografin: Irène Mélix

textiles against…(II) 2019

Die Arbeiten textiles against… stellen Fragen nach der genderspezifischen Hierarchisierung zwischen angewandter und bildender Kunst. Die textilen Techniken, welche im Material selbst und durch die Motivik thematisiert werden, fordern ihren Stellenwert ein. Sie stehen im Bezug zu einer Geschichte,die das Textile und Dekorative durch Weiblichkeitszuschreibung diffamiert. Die Verknüpfung des Textilen und Dekorativen mit Weiblichkeit wird in den Arbeiten fortgeschrieben, jedoch stellen sie sich gegen die Geschichte, indem sie eine Aufwertung der Bereiche einfordern. Die Verwendung dieser Narrative, beschreibt einen Prozess der Aneignung und feministischer Selbstermächtigung. Die Arbeiten fordern Reflektionen über textile Mythen und ihren Genderkonstruktionen ein, stellen eine Kunstgeschichtsschreibung, die sich am männlichen Geniemythos abarbeitet in Frage und weisen auf eine feministische Lesart hin, die die Subjekt-Objekt Spaltung in Frage stellt. Das Textile darf zum Medium werden, der Körper darf mit den Arbeiten interagieren und sich selbst thematisieren. Sie fordern ihren eigenen Platz, nicht zuletzt durch ihre Größe und Farbigkeit im künstlerischen Diskurs. Sie sind Statements gegen einen diskriminierenden Genderdiskurs und für ein Denken außerhalb von Kategorien und Hierarchisierungen.

Ausstellungsansichten 2020, Wartenau 16 Hamburg

o.T., 2019, Siebdruck auf Textil, 800×580 cm (petrol)

o.T., 2019, Siebdruck auf Textil, 150×255 cm (lila)

o.T., 2019, Siebdruck auf Textil, 150×255 cm (lachsfarben)

o.T., 2019, Siebdruck auf Textil,150×250 cm (rot)

o.T., 2019, Siebdruck auf Textil, 140×250 cm (petrol)

Die Studiofotografien sind eine Zusammenarbeit mit Patterned Collective. Performerinnen: Lilli Döscher und Theresa Schnell Fotografin: Irène Mélix